Lesung mit Eva Menasse

Die preisgekrönte Autorin Eva Menasse war zu Gast uns in Königstein. Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, lebt seit 2003 als freie Schriftstellerin in Berlin. Ihr Debütroman "Vienna" sowie ihre folgenden Erzählungen und Essays waren bei Kritikern und Lesern ein großer Erfolg. Für ihren Roman "Quasikristalle" wurde sie mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis, dem österreichischen Alpha-Literaturpreis sowie dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln ausgezeichnet. Für ihren Erzählband "Tiere für Fortgeschrittene" hat die Gewinnerin des österreichischen Buchpreises 2017 jahrelang kuriose Tiermeldungen gesammelt, die ihr, wie umgekehrte Fabeln, etwas über menschliche Verhaltensweisen verrieten.

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Vor etwa 65 Besuchern las die bekannte Preisträgerin drei Abschnitte aus den insgesamt acht Erzählungen aus "Tiere für Fortgeschrittene", einer Sammlung aus Geschichten über beunruhigende Abgründe und bizarre Kleinigkeiten des Alltags. Frau Menasse erläuterte zu Beginn Ihre Schwäche für Erzählungen, das Weglassen und auf den Punkt kommen. Da ist kein Platz für Überflüssiges, denn der Raum ist mit dreißig, vierzig Seiten für eine ganze Welt begrenzt.
Vor jede Erzählung setzte sie eine kurze Tierparabel. Tiergeschichten aus der Rubrik „Verschiedenes“, die sie über Jahre hinweg sammelte, um dann aus einer Kiste die Besten auszuwählen. Da heißt es dann „Auf der Suche nach Nahrung werden Bienen und Schmetterlinge auch an ungewöhnlichen Plätzen fündig“, es verfingen sich Igel in Öffnungen von Eisbechern von McDonalds und Haie mussten unter Wasser beatmet und vor dem Tod bewahrt werden.
Bei der Lesung setzte die Autorin lustige, oft verstörende Akzente, die von der Verzweiflung und Hilflosigkeit ihrer Figuren zeugen. So passt es auch, dass direkt in der ersten Erzählung bereits jemand gestorben ist: „Ihr Jugendfreund Martin ist gestorben, und Tom, die Frau, die auf einem Männernamen besteht, sitzt ratlos am Computer und bucht einen Türkeiurlaub.“ Das eigentlich Wichtige ist schon passiert. Im Fokus der Erzählungen steht der gebildete Mittelstand. Patchworkfamilien, die im Urlaub alles richtig machen wollen und doch scheitern. Die Mutter, die sich krampfhaft um ein politisch korrektes und höfliches Verhalten dem muslimischen Mitschüler ihrer gerade eingeschulten Tochter gegenüber bemüht.
Eva Menasse schafft es auf der kurzen Strecke Figuren zu zeichnen, deren Schicksal dem Leser nahegehen und amüsieren. Und dennoch bleibt einem unwillkürlich das Lachen im Halse stecken. Es bedarf wenig, um den fragilen Zusammenhalt der Menschen aufzulösen. Die angedeuteten Befindlichkeiten sind fremd und doch vertraut, die Beziehungen sind geprägt vom miteinander alleine leben. Die „Tiere für Fortgeschrittene“ sind schlussendlich wir.

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Bild: © privat