Literatur gegen das Schweigen: : Jina Khayyer liest trotz Schneechaos in Königstein
Der Auftakt zu unserem 10-jährigen Vereinsjubiläum begann besonders. Trotz des massiven Wintereinbruchs mit starkem Schneefall, kilometerlangen Staus und kaum passierbaren Straßen fand am 3. Februar in der Stadtbibliothek Königstein eine eindrucksvolle literarische Veranstaltung statt. Die äußerst sympathische Autorin Jina Khayyer nahm erhebliche Mühen auf sich, um den Termin wahrzunehmen. Die Lesung begann mit einstündiger Verspätung, da die Autorin gemeinsam mit der Vorstandsvorsitzenden Christine Saarholz den Weg ab dem Opel-Zoo zu Fuß zurücklegen musste, nachdem ein Weiterkommen mit dem Auto nicht mehr möglich war. Gleichwohl war Frau Khayyers Besuch ein großartiger Abend, an dem Literatur, Politik und persönliche Erfahrung auf eindringliche Weise miteinander verschmolzen.
Die Veranstaltung wurde von Simone Hesse mit großer Sorgfalt, Empathie und inhaltlicher Tiefe moderiert. Man spürte von Beginn an, wie sehr ihr der Austausch mit der Autorin und dem Publikum am Herzen lag.

Im Mittelpunkt stand der 2025 erschienen Roman Im Herzen der Katze, ein autofiktionales Werk, das individuelle Lebensgeschichten mit den aktuellen politischen Ereignissen im Iran verknüpft. Der Roman verbindet persönliche Erinnerungen, familiäre Beziehungen und Fragen von Identität und Heimat mit der Realität politischer Unterdrückung und dem Widerstand iranischer Frauen. Dabei geht es um Zugehörigkeit und Entwurzelung, um Freiheit und Verantwortung – und um die Frage, wie politisches Geschehen tief in private Biografien eingreift.
Zwischen Exil und Herkunft
Die Ich-Erzählerin Jina lebt im europäischen Exil und blickt aus der Distanz auf den Iran. Sie ist reflektiert, politisch wach und zugleich innerlich zerrissen. Sicherheit und Freiheit stehen Schuldgefühlen gegenüber: der Frage, ob man aus der Ferne überhaupt das Recht hat, über Widerstand zu sprechen, während andere ihr Leben riskieren. Diese innere Spannung zieht sich durch den gesamten Roman und verleiht ihm seine emotionale Dichte.
Erzählt wird über mehrere Generationen iranischer Frauen. Die Mutter steht für eine Generation, die noch einen anderen Iran erlebt hat – geprägt von Hoffnung auf Fortschritt und der bitteren Erfahrung politischer Rückschläge. Die Schwester Roya entscheidet sich bewusst für ein Leben im Iran, trotz Repression. Sie verkörpert Anpassung und Loyalität, aber auch innere Widersprüche und Zweifel. Besonders eindringlich ist die Figur der Nika, Royas Tochter. Sie gehört zu jener jungen Generation, die in der Islamischen Republik aufgewachsen ist und dennoch genau durch die sozialen Medien weiß, wie Freiheit anderswo aussehen kann. Während sie sich an der Universität Teheran einschreibt, beginnen die Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini. Nika steht für Mut, Politisierung und den offenen Widerstand junger Frauen – und für die reale Gefahr, die dieser Widerstand mit sich bringt. Viele Leserinnen und Leser fiebern mit ihr, wünschen ihr Schutz, während der Roman bewusst keine Sicherheit verspricht.

Die reale Figur Jina Mahsa Amini bleibt dabei symbolisch. Sie wird nicht literarisch ausgestaltet, sondern fungiert als Auslöser der Handlung – als Chiffre für staatliche Gewalt, kollektiven Schmerz und gesellschaftlichen Aufbruch. Die Parole „Zan, Zendegi, Azadi“ – „Frau, Leben, Freiheit“ bildet den moralischen Hintergrund des Romans.
Vom Klischee zur Gegenperspektive
Ein prägendes Moment in der eigenen biografischen und literarischen Entwicklung, so erläutert Khayyer, war die frühe Lektüre von Nicht ohne meine Tochter von Betty Mahmoody. Das Buch, in welchem der iranische Ehemann seiner Frau und der gemeinsamen Tochter die Rückkehr in die USA verweigert, hinterließ bei Khayyer einen tiefen Eindruck. Weniger wegen der individuellen Geschichte als wegen der stereotypen Bilder, die dadurch über iranische Männer, Familien und Kultur verbreitet wurden. Aufgrund ihrer eigenen Wurzeln wurde Khayyer immer wieder mit pauschalen Zuschreibungen konfrontiert. Diese ständige Rechtfertigung führte zu einer Überidentifikation und machte ihr die Macht von vereinfachenden Erzählungen bewusst. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte Khayyer den Anspruch, literarisch gegen Schubladendenken anzugehen und Leserinnen und Leser dazu zu bewegen, eine andere Perspektive einzunehmen und zu einem differenzierten Blick auf die iranischen Lebensrealitäten zu bewegen.
Heimat als Verlust
Ein zentrales Motiv von Im Herzen der Katze ist die Frage nach Heimat. Khayyer beschreibt Heimat nicht als festen Ort, sondern als etwas Fragiles. Für die ist Heimat „das weiße Blatt Papier“. Migration erscheint nicht als freiwillige Entscheidung, sondern als existenzieller Bruch, denn „Keiner verlässt seine Heimat freiwillig“, betont Khayyer im Gespräch. Wer gehe, verliere nicht nur einen Ort, sondern seine Geschichten, familiäre Bindungen, seine Sprache und Herkunft. Dieser Verlust sei oft abstrakt, solange man ihn nicht selbst erlebt habe. Politik, so die Autorin, sei niemals abstrakt – sie habe immer konkrete Auswirkungen auf menschliche Beziehungen und Lebenswege.
Die Kraft der Lücke
Khayyers Sprache ist poetisch, verdichtet und bewusst offen. Sie erklärte, warum im Roman nicht alles aufgelöst wird. Das Nicht-Erzählte sei keine Einschränkung, sondern ein Mittel. Lücken sollen Ungewissheit erzeugen – ein Gefühl, das viele Menschen im Iran kennen, wenn Menschen verschwinden und Fragen unbeantwortet bleiben. Im Gegensatz zum Leser müsse ein Autor, so Khayyer, immer „mehr wissen, als er aufschreibt“.
Die poetische Sprache ist dabei stark vom Persischen geprägt. „Im Tageslicht schaue ich aus dem Fenster, bei Nacht sehe ich in einen Spiegel“, sagt sie über ihr Schreiben. Im Iran sei Poesie keine Randerscheinung, sondern Teil des Alltags. Dichter wie Hafis, Rumi, Saadi seien Instanzen, deren Verse bis heute zitiert werden – bei Feiern, im Alltag, zur Lebensdeutung. In Zeiten politischer Repression sei Poesie stets ein Raum der Freiheit gewesen, denn Kritik kann verschlüsselt und Wahrheit symbolisch formuliert werden.
Symbole eines Landes
Der Titel Im Herzen der Katze verweist auf die geografische Form des Iran, der auf der Landkarte an eine Katze erinnert, zugleich aber auch auf eine doppelte Symbolik des Landes und der Frau. Starke Frauen werden im Iran poetisch als (shir-zan) bezeichnet – als „Löwinnen“, die sich nicht beugen.
Auch die formalen Entscheidungen über die inhaltliche Gestaltung des Buches sind geprägt von Symbolen. So besteht der Roman aus fünf Kapiteln – bewusst gewählt, nicht zu viele, nicht zu wenige. Und die Zahl fünf (۵) „das auf dem Kopf stehende Herz“ steht für den Kern des Romans nämlich die Liebe.
Widerstand, innen und außen
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war der politische Kontext. Khayyer sprach beispielsweise über die Unterschiede der beiden iranischen Friedensnobelpreisträgerinnen Shirin Ebadi (2003) und Narges Mohammadi (2023). Während Ebadi für den juristisch-institutionellen Kampf für Menschenrechte stehe und sich bewusst für eine Leben im Exil entschieden habe, verkörpere Mohammadi den direkten zivilgesellschaftlichen Widerstand innerhalb des Landes – trotz Haft, Repression und persönlicher Gefahr.
Beide Frauen stünden für unterschiedliche Phasen und Methoden des Widerstands, aber für dasselbe Ziel: Freiheit und Würde. Khayyer zeigte sich überzeugt, dass das aktuelle Regime seine Legitimation verloren habe. Repression zerstöre nicht nur Vertrauen, sondern missbrauche auch den Glauben und die Spiritualität der Menschen. Der Widerstand reiche inzwischen generationenübergreifend – getragen von der Hoffnung auf Demokratie.
Literatur als Perspektivwechsel
Die Lesung machte deutlich: Im Herzen der Katze ist ein politischer und zugleich zutiefst menschlicher und fühlender Roman. Er fordert Empathie, Perspektivwechsel und Mitgefühl – auch gegenüber Menschen in der Diaspora. Der Roman will Nähe schaffen, ohne zu vereinfachen.
Oder, wie es die Moral, der von Khayyer geschätzten „Bremer Stadtmusikanten“ zusammenfasst: Gemeinsam können auch die scheinbar Schwachen Stärke entwickeln und Würde bewahren. Ein Neuanfang ist möglich – selbst unter widrigsten Bedingungen.

Ein herzlicher Dank gilt dem zahlreichen Publikum für das große Interesse, die spürbare Begeisterung und Aufmerksamkeit, die diesen außergewöhnlichen Abend getragen haben. Umso mehr freuen wir uns über die Zusage von Jina Khayyer, erneut nach Königstein zu kommen. Damit erhalten auch all jene Interessierten, die es witterungsbedingt nicht mehr in die Stadtbibliothek geschafft haben, eine weitere Gelegenheit, die charmante Autorin und ihre Literatur persönlich zu erleben.
Der Verein LeseLust möchte sich auch besonders beim gesamten Team der Stadtbibliothek Königstein bedanken, das mit Flexibilität und großem Einsatz zum Gelingen des Abends beitrug.
